ReGain IT - Nur selber denken macht schlau

Bequem ist in. Convenience-Produkte machen alles viel einfacher: Ich kann geschälte Kartoffeln kaufen, anstatt selbst zu schälen. Kann mir Bücher vorlesen lassen, weil das einfacher ist als selbst zu lesen. Kann jemanden bezahlen, der mit meinem Hund rausgeht, damit ich es nicht selbst tun muss. Bottom line: Was immer jemand tun muss, es gibt einen anderen, der anbietet, das (gegen Geld) zu erledigen.

Die Firmenstrategen haben das natürlich längst begriffen. Alles fliegt raus, das nicht Kerngeschäft ist. Früher beschäftigten Firmen Pförtner, Köche, Elektriker und viele mehr, weil es natürlich immer was zu kümmern gab. Heute erledigen das Dienstleister, weil es billiger ist. In der IT ist es nicht anders: Commodity Software ist standardisiert, für alle gleich, schnell verfügbar. Supplier Management soll sicherstellen, dass auch ohne eigene Leute alles so läuft, wie es gedacht ist. Nicht wenige vertreten die Meinung, nichts mehr selbst machen zu müssen. “Kann man doch alles kaufen”, heisst es dann, “das lohnt sich nicht.”

Blöd nur: Die Produkte mancher Branchen sind kaum noch unterscheidbar. Anbieter werden austauschbar. Banken und Versicherungen zB sind so weit reguliert, dass es bis auf den Preis kaum noch differenzierbare Merkmale gibt. Wenn aber jedes Bankkonto in seiner Basis so gut wie ein anderes ist: Was soll den Kunden daran hindern, sein Konto dauernd zu wechseln? Oder seine Versicherung? Sie ahnen es: Nichts. Das ist schlecht, denn Kunden sind zumeist erst dann wertvoll, wenn sie eine Weile bleiben.

Kundenloyalität erzeugt man in diesen Branchen durch neue Merkmale: Digitale Bindung, zum Beispiel. Perfekt individualisierter Kundenservice, flankiert mit gelungenen Apps und einem top-modernen digitalen Erlebnis. Bloss, wo soll diese digitale Excellenz denn herkommen, wenn Firmen ihr digitales Handwerkszeug über Bord geworfen haben, um Geld zu sparen? Standard-Supplier liefern Standard-Lösungen.

Wer nichts mehr selbst kann, ist hilflos

Die Dosis macht das Gift. Ob der alte Paracelsus dabei an externe Dienstleister gedacht hat, ist nicht überliefert. Tatsache ist: Wer einen anderen mit egal was beauftragt, sollte mindestens eine klare Vorstellung vom zu liefernden Ergebnis haben. 100% Unwissenheit ist Gift. Jeder Häuslebauer kann das bestätigen: Wer ohne Bauleiter baut und auch nicht selbst ständig vor Ort ist und alles kontrolliert, wird selten gute Leistung bekommen. Digital sei alles anders, scheinen vor allem große Firmen zu glauben. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass Lieferanten komplett ohne fachliche Kontrolle allein gelassen werden, weil beim Auftraggeber niemand ist, der das Werk inhaltlich versteht.

Natürlich ist grundsätzlich nichts Schlechtes daran, mit externen Partnern zu arbeiten. Die Gretchenfrage lautet aber: Wie weit hab ich selbst die Entwicklung noch unter Kontrolle? Bin ich als Auftraggeber in der Lage, meinem Lieferanten so weit fachlich zu folgen, dass ich Leistungen und Lösungen fachlich verstehe und deren Auswirkung beurteilen kann?

Fachwissen muss im Unternehmen bleiben

Hier kommt die Sache mit der Bequemlichkeit wieder ins Spiel. Die Unternehmen, die ihre IT in den letzten Jahren oder Jahrzehnten mit Hinweis auf “ist billiger” auf ein operatives Minimum heruntergefahren haben, stehen jetzt mit dem Rücken an der Wand. Minimale Ressourcen, kaum spezialisierte Mitarbeiter. Wie soll man steuern, wovon man nichts versteht? Selbst Unternehmen, die mal große eigene EDV-Abteilungen besassen, haben mithin komplett verlernt, wie IT geht. Und jetzt?

Mein Gedanke heisst ReGain IT. Wie jemand, der nach langer Krankheit wieder lernen muss zu laufen, müssen Firmen wieder lernen, selbst Verantwortung für ihre Informationslandschaft zu übernehmen. Lieferanten, Dienstleister & Co sind schön und gut, aber für das Ergebnis kann niemand als der Auftraggeber verantwortlich sein. Indem wir wieder lernen, IT zu verstehen, legen wir zugleich die Grundlage für die allseits so gepredigte Agilität.

Das ReGain IT Manifest

Wir sind die Firmenleitung, die Fachabteilungen, die IT-Abteilungen und alle Mitarbeiter. Zusammen beschliessen wir, uns folgende Regeln aufzuerlegen:

  • Übernehme Verantwortung. Für den Erfolg unserer IT sind wir zuerst selbst verantwortlich, nicht unsere Lieferanten.
  • Sei wertvoll. Was wir tun, nutzt dem Unternehmen. Was ihm nicht nutzt, tun wir nicht.
  • Sei aktiv. Die praktische Betätigung mit IT darf nicht fehlen. Aus- und Weiterbildung sind essentielle Faktoren. Programmieren ist Handwerk.
  • Sei neugierig. Nichts muss wegen seiner Neuheit übernommen werden, aber es sollte uns auch nichts entgehen, was wichtig sein könnte.
  • Teile dein Wissen. Wir überwinden Silos, indem wir unser Wissen teilen. In Wikis, Foren und Blogs, bei Bar Camps, Konferenzen und in User Groups.
  • Sei offen. Positionen wie “Das haben wir schon immer so gemacht.” zementieren uns im Gestern ein.
  • Nobody is perfect. Akzeptiere negative Erfahrungen. Nur so lernen wir. Wer “best practices” ausprägen möchte, muss “alle practices” erlebt haben.