Beratungs-Hotline
02241-2615 320

Bewerber-Blues

Über uns

Der einfachste Weg, Bewerber loszuwerden, scheint zu sein, sie auf ihre wirklich vorhandenen Qualifikationen zu testen. Tut mir leid, ist aber so. Wir sind eine winzig kleine Firma, wer hier arbeitet, kommt unweigerlich mit verschiedenen Bereichen der Entwicklungstätigkeit in Kontakt. Wir brauchen Menschen, die mehr als nur eine Nische besetzen können. In den Job-Anforderungen habe ich das schon mal verdeutlicht, mit welchen Themenbereichen wir es zu tun haben:

Anforderungen Webentwicklung

Die Realität zeigt große Lücken bei den meisten Bewerbern. Aber auch wenn ich es gelegentlich erstaunlich finde, dass Menschen, deren stärkstes Interesse angeblich die Informatik ist, bislang keinerlei belegbare Anwendung ihres Interesses vorzuweisen haben… Menschen heute sind nicht dümmer als "wir damals"™. Woran liegt es also, dass so viele ins Berufsleben eintreten und scheinbar doch nicht richtig darauf vorbereitet sind?

Was leistet die Ausbildung?

Das Berufsbild, das offensichtlich unseren Anforderungen am besten entspricht, heisst "Fachinformatiker/in für Anwendungsentwicklung". Aus dem Grund nennen wir das auch in der Stellenbeschreibung als mögliche Qualifikation. Der Rahmenlehrplan NRW beschreibt das noch ganz vielversprechend:

Zum Berufsbild des Fachinformatikers/der Fachinformatikerin gehören in der Fachrichtung Anwendungsentwicklung insbesondere:

  • Kenntnis der Rahmenbedingungen und der Geschäftsprozesse des Kunden
  • Entwickeln und Realisieren anforderungsgerechter Softwarelösungen
    • durch individuell für den Kunden neu erstellte Anwendungen
    • durch Anpasung (Costumizing) und Integration existierender Standardsoftware
  • Einsatz von Softwareengeneeringmethoden bei der Entwicklung und Implementation kundenspezifischer Anwendungssysteme
  • Planung, Durchführung und Kontrolle von Projekten.

Am Rande: Der Schreibfehler Costumizing (sic!) hält sich übrigens wacker seit der ersten bundesweiten Fassung des Textes 1997 und ist auch in der aktuellen Fassung von 2005 noch zu finden.

Wie aber ist das Lernen in der Berufsschule gegliedert, um diese Ziele zu erreichen? Schauen wir uns die Verteilung der Lehrinhalte auf 1.360 Schulstunden in drei Jahren an:

Lehrinhalte nach Stunden

Neben Sport & Religion (!) als berufsübergreifende Lehrinhalte sehen wir, dass der berufsbezogene Anteil des Berufsschulunterrichts bei 65% liegt. Nur etwa ⅓ dieser ⅔ (na, wer bekommt das im Kopf hin?) der Gesamtstundenzahl entfällt auf richtige Entwicklerthemen. Das macht insgesamt 300 Stunden, in 3 Jahren. Das ist jetzt bereits zu wenig.

Und dieser Anteil soll sogar zukünftig noch sinken, sagte mir im Sommer ein Berufsschullehrer. Da Programmierung nicht jedem liegt, man aber keinesfalls weniger Absolventen vorweisen möchte, wird der Anteil der Programmierung weiter gesenkt. Schon heute ist es in den beiden Berufsschulen mit IT-Ausbildung in der Region nicht ungewöhnlich, dass in Fachinformatiker-Klassen überhaupt nur noch 20 Prozent der Teilnehmer jemals irgendwas programmiert haben. Die anderen haben schlicht keine Lust dazu und brauchen es für den Unterricht auch nicht.

Soviel Sand, und keine Förmchen

Und wir erinnern uns: Das ist das Berufsbild, welches als praxisbezogene Ausbildung am ehesten zur Softwareentwicklung passt. Die anderen haben noch weniger zu bieten. Das gilt übrigens auch und gerade für das Informatik-Studium, denn dort muss man gerade im Uni-Bereich erst recht nicht zwingend programmieren.

Wenn wir also eine ganze Generation von Klicki-Bunti-IT-Spezialisten heranzüchten, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn diese nichts anderes tun, als Soft- und Hardware von Herstellern aus anderen Regionen der Welt einzusetzen. Mit anderen Worten: Durch substanzlose Berufsbildung zementieren wir unseren schon heute ziemlich bedeutungslosen Status als IT-Standort. Da hilft auch keine Breitbandinitiative und keine mit medienwirksamen Pomp aufgeblasenen Inkubatoren.

Große wie kleine Unternehmen müssen das heute schon ausbaden. Ich frage mich: Wo bleibt die Exzellenz-Initiative für die Ausbildung? Wie soll Digitalisierung gelingen, wenn wir kein Personal dafür haben?