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Digitale Standortfaktoren Wir ziehen um

Über uns

Wir freuen uns: Ab Mitte November 2015 werden wir unser Büro in Siegburg haben. Bald zwei Jahre lang habe ich nach einem neuen Standort gesucht und zahlreiche Objekte besichtigt. Mein Fazit: Auch 2015 ist zeitgemäße Internetanbindung nicht Bestandteil der Infrastruktur. Makler, Vermieter und Besitzer sind nicht auf die Erfordernisse digitaler Arbeitswelt eingestellt. Dazu zähle ich

  • eine ausreichende Anzahl von Steckdosen zur Stromversorgung in jedem Raum, mindestens zwei pro Arbeitsplatz plus 1-2 Reserve
  • Möglichkeiten zur ergonomischen Beleuchtung
  • CAT6-Kabel und Anschlüsse für PCs und IP-Telefone
  • Kabelbrücken oder -tunnel
  • Stellmöglichkeit für mind. einen 19"-Schrank, akustisch abgeschirmt
  • Kabelschächte über mehrere Etagen hinweg
  • Breitband-Anbindung des Gebäudes, Auskunft über verfügbare Bandbreiten

Digitalisierung passiert nicht

Gerade in den kleinen Objekten mit weniger als 200qm sind diese Eigenschaften sehr selten. Und selbst wenn (zumeist alte) Kabel im Haus liegen, ist die Internetversorgung nach draußen in vielen Gewerbegebieten schlecht. Das ist aber kein Zufall, sondern viel mehr das Ergebnis verschlafener Entwicklung. Ein Beispiel:

Die Stadt Lohmar hat mit großem Aufwand das zentrumnahe Gewerbegebiet Auelsweg Nord ausgebaut, Straßen erneuert, Gehwege eingerichtet und Grundstücke erschlossen. Irre: Nicht ein einziger Meter Leerrohr wurde unter den neuen Gehwegen verlegt, um zukünftige Kabel zu ermöglichen. Aber die privaten Investoren dürfen sich nicht besser wähnen: Nicht eines der 6 Unternehmen, die in den letzten 18 Monaten hier mit großem Aufwand Neubauten errichtet haben, hat selbst dafür gesorgt, eine zeitgemäße IT-Anbindung zu realisieren. Das Ergebnis sind weiterhin ganze Straßenzüge in Gewerbegebieten, in denen die ISP "bis zu 16 MBit" anbieten, in der Praxis nur 6-10 MBit DSL. Keine Glasfaseranschlüsse, nicht mal TV-Kabel für Internet ist verfügbar. Und wir haben hier noch Glück: Gewerbegebiete auf der Wiese werden oft ganz ohne kabelgebundene Versorgung vermarktet.

Der Fehler liegt im System: Nur 10 Prozent der etwa 3000 Gewerbegebiete in NRW sind mit schnellem Internet ausgestattet, hatte NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) noch im Mai 2015 erklärt. Die ISP statten lieber Wohngebiete als Gewerbeflächen aus und machen mit 100 Haushalten pro Monat 20 EUR Gewinn, anstatt auf gleicher Fläche mit 20 Firmen jeweils 50 EUR pro Monat.

Wenn keiner fragt, wird nichts gemacht

Und die Firmen? Sie zucken mit den Achseln und finden das alles nicht schlimm. Wer in der Digitalisierung mehr Risiko als Chance sieht, fühlt sich scheinbar sicher, wenn man nur lange genug behauptet, sowieso kein Internet zu brauchen. Ich besichtigte Räume in der Nähe: Innenstadtlage, 70er Jahre Objekt, keine Modernisierung in den letzten Jahrzehnten. Eine Konstruktionsfirma war zuvor 20 Jahre lang dort gewesen, ein ältlicher Mitarbeiter harrte im ansonsten leeren Büro aus, mit seinem Laptop, einem Faxgerät und einer Deutschlandkarte an der Wand. Ich fragte nach Kabeln zwischen den Büroräumen, für PCs und Server, es gab keine. Er sagte, die habe man selbst dort auch nie gebraucht, sei auch so gut klargekommen. Die Firma wurde gerade abgewickelt. Finde den Fehler.

Es fehlt an Ideen

Am vergangenen Mittwoch waren wir Gast & Aussteller auf dem IHK Kongress 2015: Wirtschaft digital der IHK Bonn/RheinSieg. Eine schöne Veranstaltung mit vielen interessanten Gesprächen, die aber leider auch eines zeigte: Der Wirtschaft fehlt in der Breite noch jegliche Idee davon, welches Potential die Digitalisierung unserer Wertschöpfungsprozesse haben kann. Nach dem Prinzip von Angebot & Nachfrage sind die verfügbaren digitalen Standortfaktoren eine direkte Auswirkung davon. Das muss sich ändern, wenn wir nicht bald international ins Hintertreffen geraten wollen.

Nachtrag: Das Henne-Ei-Problem

19.01.2016 Die Stadt Lohmar ändert den Bebauungsplan für das Gewerbegebiet, von dem ich hier berichtet hatte. Ursprünglich war davon die Rede gewesen, dass hier Büroflächen entstehen sollten. Durch die Änderung werden es jetzt aber doch wieder Industriehallen für produzierendes Gewerbe, nachdem man festgestellt hat, dass die Vermarktung von Bürostandorten nicht erfolgreich war. Das ist aus mehreren Gründen auffällig:

  • Die Stadt hat erkennbar nichts unternommen, um die Ansiedlung von Dienstleistungsfirmen durch Bereitstellung dazu nötiger Infrastruktur zu fördern. Dazu gehört neben den bereits erwähnten Faktoren sicher auch ein Immobilien- und Verkehrskonzept.
  • Bestehende Objekte wirken alt bis verwahrlost. An unserer alten Anschrift stehen viele hundert Quadratmeter Bürofläche seit mehreren Jahren leer. Die Flächen sind unrenoviert, technologisch in die Jahre gekommen und werden nicht aktiv beworben. Ich habe bald den Eindruck, man versucht mit Absicht eine Neuvermietung zu verhindern.

Wenn dann jetzt verstärkt Branchen angesiedelt werden, die einer Digitalisierung eher feindlich gegenüberstehen, dann ist das kein Konzept, das den Begriff "Innovationsstandort" verdient. Und es wird in Zukunft auch nicht erstaunen, wenn sich hier in Sachen digitale Standortfaktoren nichts bewegt.