In meiner Familie ist Schwarzarbeit komplett ok. Zumindest wenn es nach Menschen wie dem gut 60-jährigen Verwandten geht, der befindet, in seinem Leben jetzt wirklich genug Steuern gezahlt zu haben, jetzt wären andere dran. Und überhaupt, das machten ja alle so.

Leider hat die Sache einen Haken: Der Bekannte, der dort als Maler Geld nimmt, ist eigentlich als Maler in einer anderen Firma angestellt. Es steht zu erwarten, dass er nach Dienstschluss Leitern, Pinsel & Co einfach von der Arbeit mitnimmt, privat aufbaut und das Geld kassiert. Ein anderer Betrieb, der vielleicht dringend nach Kunden sucht, bekommt den Job damit nicht, denn billiger kann man nicht anbieten: Die Kosten tragen ja andere.

Dabei wird sogar gemalert, weil ein Wasserschaden auszubessern ist. Der wird von der Versicherung bezahlt. Der Makler vor Ort hat kein Problem damit, pauschal Geld "für selbst erledigte Arbeit" auszahlen zu lassen. Am Ende bleibt vielleicht sogar ein wenig übrig? Davon kann dann mein Verwandter schön den Maler auf ein Bier einladen und darauf anstoßen, wie dumm doch die anderen alle sind: Bezahlen Steuern und Sozialabgaben, führen Firmen und bezahlen Gehälter. "Nee, das wär ja nix für mich."

Ich hab diese Haltung auch als Selbständiger ein paar Mal erlebt. Sie ist mir zuwider.

Der WDR fragte gestern danach, welche Tugenden wir vermissen. Als klassische Kardinaltugenden bezeichnet man Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. "Ungezügelter Egoismus" war bislang nicht darunter. Wir fragen uns, warum Menschen "im kleinen" ihren Müll wild an der Straße abstellen und "im großen" den Staat um Milliarden Euro betrügen? Weil viele unter uns keine Gelegenheit auslassen, jeden noch so kleinen Vorteil maximal auszunutzen. "1000 ganz legale Steuertricks" ist seit den 1950er Jahren ein Besteller.

Den hat mein Verwandter bestimmt auch. Falls er das Buch irgendwo günstig bekommen konnte.